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Friedrich Maier Systemische Astrologie
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'Neue Erde, neuer Himmel und warum Astrologie die Brücke ist ...' - Beitrag von Friedrich Maier Systemische AstrologieGesellschaft
Neue Erde, neuer Himmel
...und warum Astrologie die Brücke ist

Die Menschheit steckt in einer tiefen spirituellen Krise: Sie hat „Gott“ und die Beziehung zu einem bedeutungsvollen Universum verloren. Doch die alten Paradigmen wanken, und unter dem Eindruck der letzten Uranus-Neptun-Konjunktion mehren sich die Anzeichen für ein neues „spirituelles Erwachen“ - und eine neue geistig-visionäre Kultur. Die Astrologie kann dabei Bindeglied - weil sie seit jeher die kosmische Sinnhaftigkeit mit dem irdischen Sein verbindet. Sie wird deshalb einen wachsenden Stellenwert in unserer Gesellschaft einnehmen - den Platz, den sie verdient...1)

Von Richard Tarnas

Vieles kommt in Bewegung: Ich unterrichte jetzt Astrologie an den Graduate Schools der Universtitäten in San Franzisko und Santa Barbara. Diese Lehrgänge sind offiziell anerkannt. Sie wenden sich an Psychologen, Psychotherapeuten, Philosophie- und Theologiestudenten. Nachdem die Astrologie jahrhundertelang aus den Universitäten verbannt war, kehrt sie nun in den akademischen Rahmen zurück - und es entwickelt sich ein kultureller Dialog. Das läßt hoffen.
Ich bin sicher, die neue Perspektive hängt mit der Uranus-Neptun-Konjunktion zusammen, die wir durchlaufen haben in den vergangenen zehn Jahren. Derartige Entwicklungsschübe finden stets statt, wenn Uranus und Neptun in eine Konjunktion treten - oder in eine Opposition. Dann geht es immer um ein spirituelles Erwachen.
Nehmen wir die Uranus-Neptun-Konjunktion zur Zeit der europäischen Renaissance 1470/1480: In Florenz wurde „die platonische Akademie“ gegründet, es war die Zeit des Visionärs Leonardo da Vinci. Große Persönlichkeiten wurden damals, zu Beginn der Neuzeit, geboren: Michelangelo, Kopernikus, Luther, Thomas Morus. Während der Opposition Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden die Tiefenpsychologie C.G. Jungs, die Anthroposophie Rudolph Steiners und Albert Einsteins Relativitätstheorie. Uranus-Neptun erzeugt neue spirituelle Visionen und ein neues spirituelles Verständnis der Welt, in der wir leben, sichtbar in Wissenschaft, Kunst und Kultur. Nehmen wir als weiteres Beispiel die Konjunktion zuvor auf dem Höhepunkt der Romantik 1810/1820, mit den Werken von Goethe, Beethoven, Coleridge, Blake, mit Hegels idealistischer Philosophie.
Und die jüngste Konjunktion bis etwa 2000? Sie hat viele alte Paradigmen aufgebrochen, ebenso wie rigide Glaubensstrukturen, auch in bezug auf die astrologische Akzeptanz.... Wir erkennen, dass es seit den 90er Jahren tatsächlich eine Konvergenz gibt zwischen Wissenschaft und Spiritualität. Die Bedeutung alter religiös-spiritueller und schamanistischer Traditionen wird immer klarer erkannt, ebenso die innere Substanz überlieferter Mythen....Denken Sie an Joseph Campbell in den USA., an die archetypische Psychologie, die an Boden gewinnt. Es entsteht etwas Neues, und das erfasst uns mit Begeisterung.
Dennoch dürfen wir nicht verkennen, dass wir zugleich und nach wie vor in einer tiefen spirituellen Krise stecken - eine Krise, die alle Aspekte menschlichen Lebens umfasst: unser Verhältnis zur Natur und zum Organismus der Erde, zur Tier- und Pflanzenwelt ebenso wie die Beziehung zwischen Mann und Frau und den Umgang der Völker miteinander, die Wissenschaft, unsere Kultur, unsere Religionen...
Ich denke, die Krise ist eine Folge des Konflikts zwischen den beiden großen kulturellen Strömungen in unserer modernen westlichen Welt: Da haben wir die europäische Aufklärung des 17./18. Jahrhunderts, geprägt von Leuten wie Voltaire, Newton, Locke und Hume bis hin zu Kant, Darwin, Bertrand Russell und Karl Popper samt der wissenschaftlichen Tradition, die durch sie ausgelöst wurde. Daneben aber gab es in Europa eine zweite sehr wichtige Strömung, die Romantik. Sie geht zurück auf Figuren wie Goethe, Rousseau, Emerson, Beethoven und Hegel, wobei Hegel eher zwischen den Strömungen steht. Zuletzt waren diese Impulse in den 60er Jahren sehr stark, in der damaligen Sub- und Gegenkultur, und sie sind es heute noch in bestimmten subkulturellen Sphären.
Einerseits ist unser Verständnis der Welt also definiert durch die moderne Wissenschaft und die Aufkärung: eine objektivistische Art und Weise, die Welt zu sehen und zu deuten. Andererseits aber ließ sich unsere Seele inspirieren von der romantischen Tradition. Die Seele ist romantisch, der Intellekt aber durch die Aufklärung geprägt.
Das heißt, unser inneres Wesen steht oft in krassem Gegensatz zur äußeren Welt: Subjekt und Objekt trennt eine tiefe Kluft! Anders gesagt: Wir haben ein Hindernis aufgebaut zwischen unserer Seele und dem Kosmos - also dem, was „draussen“ ist. Inhaltlich bedeutet diese Trennung, dass wir glauben, der Kosmos ist völlig leer, hat in keinster Weise eine innere Bedeutung oder einen Zweck. Daher ist auch das menschliche Bewusstsein nur einem zufälligen evolutionären Prozess entsprungen.
Die Erde kreist um die Sonne, diese wiederum um das Zentrum einer weit entfernten Galaxie zusammen mit Milliarden anderer Sterne - alles nur Zufallsprodukte ohne weitere Bedeutung. Das sagt uns die Wissenschaft. Und sie sagt weiter: Jede Bedeutung kommt vom Menschen, allein von ihm. Freilich kennen wir auch andere Sichtweisen. Wenn wir zum Beispiel die Welt durch die Augen eines Schamanen betrachten, dann sehen wir die Geister des Waldes, die Bäume sind heilige, lebendige Wesenheiten, und das Meer ist eine Gottheit. Psychische und spirituelle „Präsenzen“ durchdringen die Welt. Wenn zwei Adler über den Horizont fliegen und zu gleicher Zeit wird ein Mensch geboren, dann hat das bei den Naturvölkern eine Bedeutung. Sie wissen: Die Natur will etwas kommunizieren. Oder wenn am Himmel Planeten in Konjunktion treten, dann gilt das als bedeutsam. Es hat Bedeutung, weil das Universum als etwas Beseeltes gesehen wird. Es ist die Anima Mundi, die Seele der Welt und die Seele des Menschen. Die Seele der Welt nimmt teil an der Seele des Menschen, und es gibt keine Trennung zwischen der menschlichen Seele und der Seele der Welt....
Unsere moderne Weltanschauung sieht das ganz anders: Wer den Wald oder einen See als „Wesenheit“ erspürt, nach Bedeutung sucht, wenn zwei Planeten in Konjunktion treten, wer also den Himmel als Ausdruck einer göttlichen Ordnung sieht, projiziert bestenfalls menschliche Qualitäten in die nichtmenschliche Welt, wird aber in jedem Fall belächelt als kindlich, unreif, primitiv. Alles Humbug, lautet das schnelle Urteil.
Der Paradigmenwechsel im 17. und 18. Jahrhundert, Bacon, Descartes und das „kartesianische“2) Weltbild - das war natürlich zunächst sehr befreiend. Weil der Mensch sein Selbst plötzlich nicht mehr einer vorbestimmten Bedeutung anpassen musste, sondern sich nach seinem eigenen Willen definieren konnte. Kosmos, Welt und Himmel haben keinen Einfluss auf dich, so wurde verkündet. Das Universum ist nur Materie, es ist neutral, und seine Prozesse sind ebenso „materialistisch“. Also kann ich dem Universum meine Bedeutung aufdrängen! Ich kann die Erde manipulieren, kann sie mir untertan machen, sie wissenschaftlich erklären, um ihre Rohstoffe auszubeuten, um sie zu kontrollieren, um meine Zukunft zu planen und mein Leben besser zu gestalten; so gelange ich zu meiner autonomen Selbstdefinition. All das hieß: Der Mensch ist frei und nur er bedeutend....
Der Preis war, dass wir uns mit der Zeit immer mehr „entfremdet“ fühlten. Tief im Innern suchten wir weiter nach der Seele und nach einem Sinn. Wenn nun aber der Kosmos völlig gleichgültig ist gegenüber unseren tiefen spirituellen Bestrebungen? Wo wir doch so sehr wünschen, bedeutungsvoll zu sein, Bedeutung zu erkennen, spirituell eingebettet zu sein in einen bedeutungsvollen Kosmos... Aber da ist nichts, sagen die Wissenschaftler: Das Universum ist neutral und hat nichts mit uns zu tun! Dieser innere, schmerzliche Zwiespalt führte zur Krise des modernen Intellekts...
Insbesonders die religiösen Traditionen im Westen haben das „kartesianische“ Weltbild natürlich gefördert - eine Sichtweise, die das Selbst als abgetrennt von der Welt betrachtet; die Welt ist ohnehin bedeutungsleer und ohne Geist. Nur der Mensch selbst hat Bedeutung und Geist.
Gleichzeitig kennt die christliche Tradition sehr wohl eine transzendente Realität, die aber getrennt ist von dieser Welt und ihr übergeordnet. Das hat der Welt selbst die Bedeutung entzogen...Denn: Gott hat die Welt erschaffen und war der Welt übergeordnet, also getrennt von der Welt; und der Mensch wurde nach dem Bild Gottes geschaffen. Sinnigerweise war es der männliche Mensch, der Mann, der einem männlichen Gottesbild nachgebildet wurde. Der Mann-Mensch stand somit ebenfalls über der Natur und über dem Kosmos, denn Kosmos und Natur boten nur die Bühne für seine moralische Entwicklung - und hatten selbst keinerlei Bedeutung, keine göttliche Ausstrahlung, wie zum Beispiel der Mensch. Nur er war Träger des Göttlichen!
Den Grundstock dieser Auffassung legte, wie erwähnt, die „kartesianische“ bzw. kopernikanische Revolution: Das Selbst wird zu einem kleinen Fleck am Rand des Kosmos, ist nicht mehr im Zentrum dieses Kosmos. Gott existiert nicht mehr. Nietzsche sagt: "Gott ist tot." Freud, Marx und die Moderne schließen sich an, und so haben wir dieses isolierte, entfremdete menschliche Selbst in einer Welt, die völlig geistlos ist.
Was uns zugleich das tiefe Loch ahnen läßt, das die Befreiung des menschlichen Intellekts in der Seele riss. Schon Pascal (1623-1662) äußerte: "Ich bin erschreckt über die Stille, diese ewige Stille dieser riesigen Räume", als er den Blick ins nun wissenschaftlich definierte All richtete. Er hatte nicht so sehr Angst vor der unermersslichen Größe des Weltraums, sondern vor der Stille....Weil der Mensch die Stimme, die Bedeutung des Kosmos, nicht mehr hören konnte...es war alles so still.
Nun aber sind wir an einem Punkt angelangt, an dem wir viele hoffnungsvolle Zeichen einer neuen Weltanschauung sehen. Doch hilft dies wenig, wenn wir nicht zuvor dem Kosmos, in dem wir leben, wieder Sinn geben - da wir sonst die menschliche Seele nicht wirklich verstehen, und auch nicht unsere menschlichen Beziehungen.
Allein die Astrologie hat diese Fähigkeit in die heutige Zeit hinübergerettet, nämlich die Bedeutung des Kosmos lesen zu können. Sie ermöglicht die Anerkennung der göttlichen Intelligenz, die so mächtig ist, dass sie diese Synphonie der Synchronizitäten orchestrieren kann, eine Synphonie, die zwischen Himmel und Erde gespielt wird.
Wobei die Frage offen bleibt: Wer oder was ist dieser „Dirigent“, der die Bewegung der Planeten so orchestriert, dass sie mit den archetypischen Mustern der menschlichen Erfahrung zusammentreffen? Wir als Astrologen erleben jeden Tag ein neues Wunder: das Wunder einer stetigen Korrelation zwischen der Bedeutung der Lebensmuster und der Muster im Kosmos. Das zeigt uns, dass der Kosmos sich in einer fundamentalen Art und Weise um diese Erde bemüht, sich um den Menschen kümmert; denn jedes einzelne Horoskop wird umsorgt, wird betreut, und darf eine Bedeutung entwickeln im Laufe eines Lebens. Und jede Progression, jeder Transit (nicht nur die großen Pluto- oder Uranus-Transite, auch die kleinen, fortwährenden Mondtransite) lassen unsere astrologischen Augen die göttlichen Muster sehen, die sich entwickeln - und auf eine wundersame Art und Weise manifestieren.
Die moderne Wissenschaft hat die Astrologie verdrängt und negiert - weil sie deren Überzeugung, das Universum kümmere sich um die Menschen, für naiv, primitiv und sogar für egozentrisch erachtet...Eine Haltung, die abermals in der kopernikanischen Revolution begründet liegt, indem diese nicht länger (wie im Ptolemäischen Weltbild) die Erde, also unsere bisher bekannte „Welt“ ins Zentrum unseres Seins rückte, sondern die Sonne...Die ganze Evolution des westlichen Geistes dreht sich um diese kopernikanische Revolution. Sie ist der Scheitel- und Höhepunkt des mittelalterlichen Gedankenguts. Nach Kopernikus kamen Galileo, Kepler, Newton, die moderne Wissenschaft....alle gehen zurück auf diesen kopernikanischen Wendepunkt.3)
Das Interessante dabei ist: Als die Sonne anstelle der Erde zum neuen Zentrum wurde, wollte sich der moderne Geist, der Intellekt, der Mensch an sich (als Mann!) mit der Sonne identifizieren, mit ihrer Brillianz, ihrem tranzendentalen Licht, mit dieser stark leuchtenden „Intelligenz“, die der „Welt“, der Erde und der Natur übergeordnet ist. Es gab also eine Bewegung weg von der Natur hin zum solaren Selbst. Auch wir Astrologen haben einen ausgeprägten Sinn für diesen solaren Symbolismus...
Der Mensch trennte sich also ab von der Erde, vom Weiblichen, von seiner Einbettung in die Natur. Der Mond, der weibliche Regent des Nachthimmels, die Weltseele, die Anima Mundi, unser Unbewusstes - all das wurde an den Rand gedrängt. Jung sagte etwas sehr Wichtiges: "Wenn das Lehrstück der psychologischen Entwicklung die Begegnung mit dem Schatten ist, dann ist ihr Meisterstück die Integration der Anima." Das heißt, die heroische, solare, westliche Zivilisation, die so große Errungenschaften hervorgebracht hat, diese Gesellschaft, diese Kultur muss jetzt ihren Schatten erkennen... damit Sonne und Mond wahrhaftig wieder zusammenfinden. Anders gesagt: Wir müssen das Unbewusste assimilieren und integrieren, die weibliche Dimension des Lebens, die wir bisher systematisch unterdrückten. Wenn wir diesen Prozess durchlaufen, werden wir ein initiatorisches Opfer bringen müssen, indem wir unsere ausschließliche Sonnenanbetung aufgeben! Eine ganze Zivilisation muss die Hybris des Denkens über Bord werfen, wonach der moderne menschliche Geist die einzige große Intelligenz im Universum ist...
Wir müssen anerkennen, dass unsere menschliche Intelligenz Ausdruck und zugleich Teil einer kosmischen Intelligenz ist, die Vorgänge und Muster zwischen Himmel und Erde zu synchronisieren vermag. Wobie uns die großen archetypischen Kräfte im Horoskop zeigen, dass wir uns des Unbewussten bewusster werden müssen, und dass wir dem begegnen müssen, das in Schatten gefallen ist. Nur wenn wir das Weibliche integrieren, „betreten“ wir eine neue Erde und einen neuen Himmel...
Norton Fry, der große amerikanische Literaturkritiker, sagte einmal: "Die westliche Literatur kennt eigentlich nur eine Handlung: Die Sehnsucht nach einem verlorenen Paradies. Und meistens geht es dabei um eine Frau, die diese Sehnsucht auflösen kann."
Die Astrologie galt nicht von ungefähr als „Königin der Wissenschaften“; sie ist tatsächlich das Substrat der Anima Mundi. Das ist auch der Grund, warum der männliche wissenschaftliche Geist die Astrologie ablehnte, weil sie der weiblichen Psyche so viel Raum gibt in diesem Kosmos. Diesem Kosmos, der ja als unbeseelt gilt...Was jetzt geschehen muss, ist die Anerkennung des Preises, den das rationale männliche Selbst bezahlt hat dafür, dass die Seele der Welt verdrängt wurde!
Und weil die Astrologie - mehr als alle anderen Wissensgefäße - das heilige Substrat der kosmischen Seele ist, der Anima Mundi - müssen Sie als Astrologin bzw. Astrologe wissen: Jedesmal, wenn Sie über Astrologie referieren, immer, wenn Sie Ihr Horoskop betrachten oder Ihre Transite beobachten, vollziehen Sie einen heiligen Akt, eine heilige Handlung, die das Unbewusste und Bedeutende ans Licht holt und die beschriebene initiatorische Transformation voranbringt. Wobei wir das, was geschehen ist, nicht abwerten dürfen. In den vergangenen tausend Jahres ist viel Gutes, Wichtiges und Not-Wendiges entstanden. So mussten die Menschen unter anderem die Astrologie abwerten und „fallenlassen“, weil dies Befreiung und menschliche Autonomie erst ermöglichte. Doch nun ist die Zeit gekommen, diese kosmischen Kräfte und Verbindungen gewissemaßen wieder heimzuholen - und eine partizipatorische Beziehung mit ihnen einzugehen, statt wie einst, sich ihnen determinisch oder fatalistisch zu unterwerfen. Partizipation ist hier das Stichwort. Ich möchte sagen: Wir tanzen einen partizipatorischen Walzer mit den großen archetypischen Kräften des Universums.
Noch einmal: Wir mussten das Unbewusst-weibliche notwendigerweise verdrängen und den Gegenpol verherrlichen....Nur unser Sturz aus dem kosmischen Schoß, dem Paradies, ermöglicht uns die große Wiedergeburt: das Entstehen eines neuen Himmels und einer neuen Erde! Nur weil Adam den Apfel aß, nur durch den „Sündenfall“ im Paradies, nur weil die moderne Seele aus der kosmischen Mutter herausgefallen ist, nur weil wir zuvor im Exil waren und durch die dunkle Nacht geschritten sind - nur deshalb können wir jetzt den großen Segen der spirituellen Wiedergeburt erfahren. O felix culpa. O schöne, glücksbringende Schuld!
Vor einigen Jahren erhielt Vaclav Havel, Präsident der Tschechischen Republik, an der Stanford University eine Auszeichnung. Seine Dankesrede begann er damit, dass er die Arbeit Stanislaw Grofs würdigte (der im übrigen aus der selben Generation stammt). Er sprach in diesem Kontext von den archetypischen Prinzipien, die uns so viel lehren: "Die planetare Demokratie besteht nicht mehr, aber unsere globale Zivilisation bereitet bereits einen Ort dafür vor: die Erde, auf der wir leben und die verbunden ist mit dem Himmel über uns. Nur so kann die Gemeinsamkeit der menschlichen Gattung neu geschaffen werden - mit Achtung und Dankbarkeit für das, was uns transzendiert“. Und weiter: "Die Autorität einer weltdemokratischen Ordnung kann auf nichts anderem aufgebaut werden als auf der revitalisierten Autorität des Universums!" Damit meint Havel: Solange wir in einem „ernüchterten“ Kosmos leben ohne „Zauber“, solange kann das spirituelle „Projekt“ des Menschen sich nicht entwickeln: Es wird isoliert bleiben, in Grenzen gefallen sein und von der kosmischen Stille erdrückt werden...
Wir müssen diese kosmische Bedeutung neu entdecken. Dafür brauchen wir eine moralische Transformation, nicht nur eine intellektuelle Übung. Daher werden wir die Wissenschaft und den gesellschaftlichen „Mainstream“ nie von der Astrologie überzeugen können, indem wir fast verzweifelt irgendwelche kognitiven Fortschritte beanspruchen oder durch irgendwelche statistischen Tests die Astrologie beweisen wollen.... Nein, es geht um Tieferes. Unser Herz muss sich verändern. Das Herz! Wir müssen anerkennen, dass der Mensch durch seinen Stolz, seine Hybris die Anima Mundi verdrängt, verbannt und ausgeschlossen hat. Wie? Indem wir dieser Hybris ins Auge schauen und würdigen, wieviel Leid und Leiden sie auslöste - für andere Kulturen und religiöse Traditionen, für die Frauen dieser Welt, für die Natur, die Erde, die Tiere und Pflanzen, die auf ihr leben. Bevor wir diese Anerkennung nicht vollzogen haben, werden wir nicht in der Lage sein, als Kultur, als Zivilisation den nächsten Schritt in unserer Evolution zu tun....
Sie als Astrologin und Astrologe haben mit der Astrologie ein kraftvolles Werkzeug, das diese spirituelle kosmologische Veränderung vermitteln kann - einen Wandel, der sich als wichtigster Entwicklungsschritt der Menschheit entpuppen wird und an dem wir teilhaben dürfen.
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1) Der Beitrag beruht auf einem Vortrag, den Richard Tarnas auf dem Astrologie-Weltkongress in Luzern hielt (Juni 2000); mit freundlicher Genehmigung der Veranstalter
2) Die Amerikaner sprechen von der „Cartesian Revolution“; das Wort wurde übernommen und eingedeutscht
3) Den Boden der westlichen Zivilisation bereitet hatte freilich schon weit früher die griechische Antike, Plato, und später natürlich das Christentum. All das sind Traditionen, die auf die Sonne ausgerichtet sind.
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Dr. Richard Tarnas (50) ist Prof. für Philosophie und Psychologie am California Institut of Integral Studies in San Francisco und Buchautor („The Passion of the Western Mind“ 1991, dt. „Idee und Leidenschaft. Die Wege des westlichen Denkens“, 1997, zu beziehen über Zweitausendeins; „Prometheus the Awakener“, dt.: „Uranus und Prometheus“, Astrodienst, Zollikon 1996). Richard Tarnas arbeitet eng mit Prof. Stanislaw Grof zusammen; Grof ist Arzt, Therapeut, Buchautor und renommierter Pionier in der (klinischen und experimentellen) Erforschung des menschlichen Bewusstseins. Beide unterrichten Tiefenpsychologie in der Tradition von Freund und Jung - unter Einbezug der Astrologie. Rick Tarnas ist in Genf (Schweiz) geboren und lebt, wie Grof, in Mill Valley, California.
Kontakt über email: rtarnas@email.msn.com